In jeder Bönschau bitten die Bönhasen das Publikum um fünf Wörter, die wir einsammeln und sorgsam in unserer Wortklappe verstauen. In der Pause dann – wenn die anderen Pause machen – setzen sich die Bönhasen – meistens auch die Gastautoren – ins Separée und verarbeiten die Wörter restlos zu kurzen Texten, die sie dann nach der Pause vortragen.
Hier könnt ihr die besten Ergebnisse nachlesen:
04.09.09 – 09.10.09 – 13.11.09 – 11.12.09 – 08.01.10
8. Januar 2010: Vergessen – Politik – Sauerkraut – Homöopathie – Hühnerbein
Manfred Beseler:
Hauke Hutmacher ging mit Bauchgrimmen zum
Arzt. Er hatte sogar seinen Mantel vergessen. Darin seine Rede, die er gestern
ausgearbeitet hatte. Es sollte eine Brandrede werden gegen die Homöopathie. Ihm
hatte vorgeschwebt, den Zuhörern vor Augen zu werfen, was würde, wenn man so zünftige
Gerichte wie Sauerkraut mit Hühnerbein so weit verdünnte, dass letztlich
nichts mehr drin war.
Was konnte dabei schon heraus kommen?
Nichts!
Und dann hatte er es ausprobiert mit dem
Sauerkraut. Es verdünnt, immer weiter – bis er nicht einmal etwas davon roch.
Dann hatte er sieben Tropfen davon
genommen. Und siehe da! Nichts war passiert – in den ersten Minuten.
Am nächsten Morgen schaffte er es nicht
mal mehr zum Frühstückstisch. Er musste zum Arzt. Mit den Blähungen konnte er
jetzt nur noch Politik machen. Für die Homöopathie. Die wirkt.
11.
Dezember 2009:
Goethe – Standuhr – Frühling – Mausefalle – Odessa
Manfred Beseler:
Johann Wolfgang von Goethe ist für mich
der größte aller Dichter, alleine weil er Wolfgang heißt. Allabendlich sitze
ich in meinem stillen Wohnzimmer, lausche dem regelmäßigen Klacken meiner
Standuhr – klack, klack, klack – und sage mir: Gleich liest du etwas von
Goethe.
Ich habe noch nie etwas von ihm gelesen
– er ist einfach zu groß, auch wenn er Wolfgang heißt. Wo sollte ich auch
beginnen? Und wann? – Jetzt! … Jetzt! … Jetzt ist Winter. Da kann man
Goethe nicht lesen. Das geht erst wieder im Frühling.
Ich lausche der Standuhr. – klack,
klack, klack – KLACK! – Was war das? Schon vorbei. – Aber was war das? –
jetzt höre ich ein Fiepsen. Klack – Fiep – Klack – Fiep – Klack
Ach ja. Das war die Mausefalle. Ich habe
zwei davon aufgestellt. Eine rechts und eine links von Goethe – der
Gesamtausgabe. Klack – Fiep – Klack – Fiep – Klack
Ich schau mal nach.
Ja. Eine Maus. Sie fiepst schon nicht
mehr. Jetzt, allmählich, wird ihr Schwanz steif. Er wird mir zeigen, womit ich
beginnen soll. Bei Goethe. Der Schwanz ist spitz und kann gut zeigen.
Nicht zu Goethe. – Oh nein! Das ist mir schon drei Mal passiert. – Er zeigt auf den Bildband von … Odessa!
(Manfred Beseler)
9. Oktober 2009: Eifersucht – Freude – Westerwelle – Magersucht – Teebeutel
Helga Frien:
Hilde sah liebend gern Fernsehen. Jeden
Tag begrüßte sie die guten alten Bekannten vom Bildschirm. Hallo, Frau
Illgner, wie geht es Ihnen? Guten Morgen, Herr Müntefering, was macht Ihr
Magengeschwür? Hildes Mann, der Egon, konnte sich darüber ziemlich ärgern. Hör
doch auf mit dem Quatsch, sagte er. Wenn das jemand sieht, der bringt dich noch
in die Klapse. Aber Hilde machte weiter. Selbst mit den Stars war sie bereits
auf du und du. Es macht ihr einfach Freude zu wissen, dass jede Verbeugung ihr
und ihrer Begrüßung galt. Manchmal kritisierte sie auch, wenn jemand
zugenommen hatte, die Frisur verändert oder den Schneider gewechselt hatte. Am
schlechtesten ging sie mit Modells um. Magersucht, sagte sie, ihr habt doch alle
die Magersucht.
Im September ging es ihr besonders gut. Da zappte sie durch alle Kanäle. Überall, wo sie ihn begrüßen konnte, und er lachte und strahlte, und alles nur für sie: Guido Westerwelle. Das ergriff selbst Egon: Der ist ja gradezu verliebt in dich, sagte er und platzte fast vor Eifersucht. Aber Schatz, sagte Hilde, du sagst doch selbst, das ist alles Quatsch. Da passierte es, ihr lieber, netter Egon versuchte sie mit einen Teebeutel zu erschlagen.
4. September 2009: Bundestagswahl – Schornsteinfeger – Fahrrad fahren – Linksverkehr – Mäeutik
Helga Frien:
Manche werden schon als Schornsteinfeger
geboren. Das erkennt man an dem verrußten Gesicht und der Fähigkeit, schon als
Säugling Fahrrad fahren zu können. Und als Kleinkind bereits mit dem bekannten
Drahtseil am Lenker durch die Straßen zu fahren. Bei einigen bildet sich die
Neigung, sich mit einem schwarzen Zylinder zu bekleiden. Selbst das Einstecken
von Geld oder wichtigen Papieren wie Ausweis, Fahrkarte oder Schokoladenpapier
in den Zylinderinnenrand entwickelt sich.
Mit 16 spätestens ist das freihändige
Balancieren eingeübt. Und schon ist der Schornsteinfeger ausgewachsen und kommt
zum Beispiel zu mir und meinen Nachbarn, steigt auf Dach. Das ist der übliche
Lebenslauf.
Doch auch in diesem Beruf gibt es
Doppelbegabungen. Und da wird es schwierig. Wer mit verrußtem Gesicht und
schwarzem Anzug mit Zylinder in einem anderen Bereich als dem Schornsteinfeger
auftritt, wird entweder ständig berührt, weil er ja erfahrungsgemäß das Glück
auf diese Weise verteilt. Und das hindert ihn an vielem. Gerade in dieser Zeit
wird er geradezu gehetzt, kurz vor der Bundestagswahl, jeder Politiker streift
sich bei ihm ein Stäubchen Glück für sich ab. Selbst unsere bisherige
Kanzlerin ist sich nicht zu schade für die schwarze Magie.
Auch auf Hochzeiten, bei Wetten und Boxkämpfen
wird ein tätiger oder doppelbegabter Schornsteinfeger überfordert. Neulich kam
sogar ein Engländer mit dem Wunsch nach Glück zu einem Schornsteinfeger, um im
alterwürdigen Königreich den Linksverkehr abzuschaffen, damit die Europäer in
ihrem schönen Land unfallfreier fahren können.
Nur was das mit Mäeutik zu tun hat, konnte man ihm auch nicht sagen.